Pani cunzatu

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Pani cunzatu

U pani cunzatu lässt sich eigentlich ganz einfach übersetzen, umso schwerer aber zu übertragen. Denn eigentlich ist es einfach nur im Ofen erwärmtes Weißbrot mit Olivenöl, Kapern, Oliven, Tomaten, Sardellen und Mozzarella bzw. Primosale Siciliano, einem für Sizilien typischen Schafskäse.

Doch gerade deswegen hat Pani cunzatu für mich einen ganz besonderen Stellenwert: Es ist einfach zu kombinieren, mit einer soliden Basis (Brot) ausgestattet und kann beliebig erweitert werden. Ein bisschen wie Migration und mindestens genauso herzhaft und wandelbar. Zudem verlangt es von mir nicht, dass ich vorgebe, etwas über die italienische Küche zu wissen, wovon ich eigentlich keine Ahnung habe. "Sie als Italiener wissen doch bestimmt, dass der Pecorino Romano eigentlich gar nicht in Rom oder nur in Latium, sondern auch in der Toskana und auf Sardinien hergestellt wird?"

Nein, pani cunzatu habe ich mir selbst erarbeitet, es im Internet für mich entdeckt - und wenn ich das in die Italculinaria-Runde werfe, will keiner mehr von mir (als Italiener) wissen, ob ich eigentlich einen guten Italiener in der Stadt kenne oder weiß, wie man Nudeln selber macht. Nein, dann schweigen alle, legen die Servietten mit gratis Italienisch-Vokabeltrainer drauf zur Seite und hören zu: Ja, pani cunzatu kommt u.a. von den Äolischen Inseln nördlich von Sizilien. Man sagt, sie seien nach Aiolos, dem griechischen Gott des Windes, benannt und ja, ich war schon mal auf einem dieser Eilands, nämlich auf Vulcano. Und da ist es echt vulkanig.

Ich habe mir da einen Fuß an einem Austrittsloch einer heißen Quelle verbrannt - mitten am Strand. Und mein Vater hat sich dann in einen Schwefeltümpel gelegt, denn das soll gut für die Haut sein. Aber nicht für die Nase. Und gestunken hat es uns da auch, zumindest das Essen. Das war nämlich ein Touristennepp für 10.000 Lire. Selber schuld, wenn man sich nichts zu essen mitnimmt und dann verhungert die nächstbeste Trattoria anläuft. Und das auch noch als Sizilianer. Jedenfalls fügt man dem pani cunzatu Kapern hinzu.

Meine Cousine hat übrigens auch mal in einer Kapern-Fabrik gearbeitet - in Hamburg. Als ich sie mal besucht habe, hat sie mir zwei Gläser mitgegeben. Ich persönlich konnte mit den Schrumpfoliven nichts anfangen und habe sie meiner Mama gegeben. Meine Mutter war übrigens Deutsche, konnte aber sehr gut Italienisch - kochen, reden, verstehen und lieben. Ein bisschen war sie auch ein pani cunzatu, wie auch mein Vater und überhaupt ihre Ehe und ihre Kinder, meine beiden älteren Schwestern und ich.

Wir alle sind und waren wie eben das zum pani cunzatu nötige Brot (die weiche Innenseite): Aufnahmefähig, wie ein Schwann aufsaugend und genügsam, was unsere Zutaten angeht. Und deshalb ist pani cunzatu eigentlich ein generisches Gericht, eine Anleitung zur Neugierde und Genügsamkeit, zur Toleranz sogar. Denn ich habe noch nie gehört, dass sich ein pani cunzatu darüber beschwert hätte, dass kein Primosale Sicliano, sondern ein mittelalter Gouda auf ihm liegt. Es ist adaptiv, kreativ und integrativ, lässt es sich doch so oder anders zubereiten und kredenzen, weil einfach alles darauf und dazwischen passt und jedes pani cunzatu seinen eigenen Geschmack hat. Und der mundet und mündet überall dort, wo ein Zwischeneinander salon- und speisesaalfähig ist. Gerade und vor allem all jenen, die sich gerne etwas Neues auftischen lassen und/oder sich manchmal am Thema Migration festbeißen, bietet u pani cunzatu kulinarische Kau-Salitäten der anderen Art.

Von Marcello Buzzanca

Marcello Buzzanca

Marcello Buzzanca ist freiberuflicher Autor, Blogger, Redakteur und Übersetzer. Dabei sind es vor allem die spannenden Themenfelder Migration, Integration und Interkulturalität, die ihn (zum Schreiben) bewegen.

Sein Buch Periodischer Patriotismus - Deut(schliche) Erfahrungen eines provisorischen Italieners erscheint Mitte 2015. Der vorliegende Text ist ein Auszug daraus.

Weitere Infos zum Autor und seinem Buch unter:

- www.periodischer-patriotismus.de/
- www.buzzanca.de

 
 

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