Arancini Tipo Traghetto

Arancini Tipo Traghetto

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Arancini Tipo Traghetto

Arancini hatten für mich immer schon eine Art Trittata -Transzendenz. Denn sie markierten den Übergang von der Enge des Autos in die Frische und Freiheit - nach 30 Stunden Gefangenschaft auf der Rückbank eines engen Fiat, in kilometerlangen Staus, durch endlose Schweizer Tunnel und entlang süditalienischer Serpentinen.

Auf dem Traghetto warteten dann sie bereits, die leckeren "kleinen Orangen" - frittierte, safranfarbene Reisfleischbällchen mit Mozzarella - um mich vom letzten Zipfels des Stiefels über die Straße von Messina nach Sizilien zu geleiten. Für diesen transkontinentalen Sprung mit Arancino und 15 Knoten, musste man sich jedoch zunächst von einer Fähre mit leerem Bauch schlucken lassen. Darauf folgte dann das nautische Anstehen in seiner italienischen Interpretation: Eine praktisch von allen Seiten zugängliche Schlange. Zum Vordrängeln der Menschen gesellte sich das Drängen des Meeres. Hatte ich mir mein Arancino schließlich für 1.000 Lire gekauft, biss ich sofort rein. Gaumenverbrennungsgefahr ausgeschlossen, waren sie doch meistens bereits kalt. Traghetti sind ja schließlich keine Luxusliner, sondern nur gewöhnliche Fährverbindungen, auf denen lose miteinander verstrickte Schicksale für die Dauer der Überfahrt verschmelzen. Wie die Mozzarella in den Arancini eben. Und deren Filamente war neben der krossen Panade eigentlich immer das Leckerste.

Abkunft in der Schmack-Haft

Arancini Tipo Traghetto waren bi-direktional und sagten mir: Bald bist du da (in Sizilien)! und Bald bist du wieder hier (also wieder weg von Sizilien)! Ich wankte innerlich und die rostigen Treppen hinauf und wartete ungeduldig auf das Wiedersehen mit meiner alten Bekannten, die mich jedes Jahr mit VOS ET IPSAM CIVITATEM BENEDICIMUS begrüßte. Dank meiner ItaLatein-Kenntnisse dechiffrierte ich die Message der Madonna della Lettera: Wir segnen euch und diese Stadt! Als Messinas Schutzpatronin gab die goldenen Statue auch meiner schwankenden Identität ihren firmen Segen. "Meinetwegen, und gib' Papa bitte gleich noch eine extra Portion mit!" Einmal im Dickicht der Straßen Messinas angekommen, würde er diesen während seines erbitterten Kampfes mit der sizilianischen Ampel-Farbenlehre bestimmt gut gebrauchen können. Diesem Straßenkampf folgte die Zieletappe als Krönung unserer langen Reise: Die Einfahrt nach Mistretta - das Dorf meines Vaters - im Triumphwagen, der sich als geschundenes Vehikel tarnte. Bis zu dieser vorläufigendgültigen Ankunft jedoch wartete ich an der Reling stehend auf den magischen Ruck der Fähre, der mir signalisierte: Jetzt fahren wir los! Spätestens dann hatte das Arancino Tipo Traghetto seine Aufgabe als safranfarbener Anker erfüllt und meinen periodischen Pendelbewegungen während der Dauer der Überfahrt einige Bisschen lang Halt gegeben.

Von Marcello Buzzanca

Marcello Buzzanca

Marcello Buzzanca ist freiberuflicher Autor, Blogger, Redakteur und Übersetzer. Dabei sind es vor allem die spannenden Themenfelder Migration, Integration und Interkulturalität, die ihn (zum Schreiben) bewegen.

Sein Buch Periodischer Patriotismus - Deut(schliche) Erfahrungen eines provisorischen Italieners erscheint Mitte 2015. Der vorliegende Text ist ein Auszug daraus.

Weitere Infos zum Autor und seinem Buch unter:

- www.periodischer-patriotismus.de/
- www.buzzanca.de

 
 

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